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Sonntagsbrief 24. Mai 2020

Liebe Gemeinde, liebe Leser und liebe Hörer,

Was willst du, dass ich dir sage? Oder anders gefragt: Mit welcher Erwartungshaltung hörst du dir diese Predigt an bzw. liest du diese Predigt? Gern hätte ich jetzt eine Antwort, aber da es jetzt gerade kein Dialog ist, muss die rhetorische Frage leider so stehen lassen. Aber ich behaupte, dass ich tatsächlich unterschiedliche Antworten bekommen würde.
Möge Gott deine Antwort hören und dir das geben, was Du brauchst.
Denn Gott hört nämlich auf das, was uns auf dem Herzen liegt. Und als Beweis meiner These geht es jetzt um eine Geschichte aus dem Markusevangelium.
Sie steht in Markus 10, 46-52:

 

Dann kamen sie [Jesus und seine Jünger] nach Jericho.

Als Jesus zusammen mit seinen Jüngern und einer großen Volksmenge
Jericho wieder verlassen wollte, da saß am Straßenrand ein blinder Bettler.
Es war Bartimäus, der Sohn von Timäus.

Als er hörte, dass Jesus von Nazareth da war, fing er laut zu rufen:
„Jesus, Du Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!“ Viele fuhren ihn an: „Sei still!“
Aber der Blinde schrie noch viel lauter: „Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!“

Da blieb Jesus stehen und sagte: „Ruft ihn her!“
Die Leute sagten zu ihm „Du kannst Hoffnung haben. Steh auf, er ruft dich!“
Da warf der Blinde seinen Mantel ab, sprang auf und kam zu Jesus.
Jesus fragte ihn: „Was willst Du? Was soll ich für dich tun?“
Der Blinde sagte ihm: „Meister, dass ich sehen kann!“
Und Jesus sagte zu ihm: „Geh nur, dein Glaube hat dich gerettet.“
Sofort konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg.

Die Geschichte steht bei Markus, Kapitel 10. Die ersten 9 Kapitel beschreiben das Wirken von Jesus in Galiläa, also im Norden des Landes Israel, wo sich auch der See Genezareth befindet. Kapitel 11 beginnt mit dem Einzug in Jerusalem, das wir heute als Palmsonntag bezeichnen und beschreibt die wenigen Tage vor seiner Hinrichtung an Karfreitag. In Kapitel 10 beschreibt das Markusevangelium also die Reise von Jesus und seinen Jüngern in den Süden in Richtung Jerusalem. Das Kapitel besteht aus vielen verschiedenen Reden Jesu. Und schließt dann eben ab mit dem Bibeltext, den ich gerade vorgelesen habe.

Ich lese ihn als Wirkung auf das, was Jesus vorher gepredigt hat. Denn, was mir direkt im 1. Vers der Geschichte auffällt ist, dass Jesus nach Jericho kommt und dann irgendwann wieder geht. Wie lang er dort ist und ob da irgendwas Spektakuläres passiert ist, wissen wir nicht.

Wir wissen also auch nicht, wie lang Bartimäus Jesus schon kannte und was er alles von ihm gehört hat. Was wir aber wissen, ist das Entscheidende, nämlich sein Glaube. Als Bartimäus checkt, dass er die Möglichkeit hat, Jesus live zu erleben, da rastet er förmlich aus. Und er ruft: „Du Sohn David“. Was für ein Bekenntnis! Denn der Prophet Jesaja hatte bereit ca. 800 Jahre vorher angekündigt, dass der Sohn Gottes auf die Erde kommen wird und ein Nachkomme des König Davids sein wird. Das kannst du in Jesaja 9, 5 + 6 nachlesen.
Bartimäus ist also davon überzeugt, das Jesus der Christus ist, den Gott geschickt hat. Ja komisch, dass seine einige seiner Mitmenschen eher so semi-begeistert waren über diese Bezeichnung. Wahrscheinlich riefen deshalb einige ihm zu: „Sei still!“ Also entweder waren es Gegner Jesu, die ihn am liebsten sofort töten wollten
und zähneknirschend riefen sie: „Halt bloß die Klappe!“ Oder es waren eben Leute, die gar nicht begriffen, was der in ihren Augen bedeutungslose Bettler da brabbelt. Vielleicht waren sie auch einfach nur genervt, dass da einer rumschrie.
So nach dem Motto: „Sei doch einfach mal leise.“ Aber der Bettler denkt gar nicht daran. Er ist nicht eingeschüchtert, sondern er hält an seiner Hoffnung fest. Bartimäus wollte Jesus unbedingt persönlich begegnen, ja,auch.... aber er wollte vielmehr von Jesus geheilt werden. Der Text verrät zwei Dinge über Bartimäus:
Er war blind. Und er war ein Bettler. Okay, versetzen wir uns kurz in die Lage von Jesus: Was tun, wenn ein blinder auf uns zu gerannt kommt und sagt:
„Hab Erbarmen mit mir?“  Und wir haben die Vollmacht Gottes, Menschen aus ihrer Not zu retten. Der Text lenkt uns lesende und hörende Menschen ja bereits in eine bestimmte Richtung. Es wird klar, es geht ums Blind sein. Denn während im Text nur 1x erwähnt wird, dass er Bettler ist, erfahren wir direkt 4x mal, der Mensch kann nicht sehen. Darauf liegt der Fokus und wie man hinterher erfährt,
ist wohl auch das der Grund, warum Bartimäus ruft „Hab Erbarmen mit mir“.
Dann, als er und Jesus aufeinandertreffen, stellt Jesus eine ganz wichtige Frage, die für mich in seelsorglichen Gesprächen und eigentlich generell im Umgang mit anderen Menschen zum Vorbild geworden ist: Jesus fragt:
„Was willst Du? Was soll ich für dich tun?“

Wie gesagt, viermal wurde schon gesagt, der Mann ist blind. Man könnte denken, sein Anliegen ist relativ offensichtlich. Jesus, kleiner Spoiler-Alarm: Der Mann ist blind. Mach ihn sehend. Dann ist er nicht mehr blind. Warum überspringt Jesus also nicht einfach Vers 51 und sagt direkt „Geh, dein Glaube hat dich gerettet.“ Ja, so ist das mit den offensichtlichen Dingen. Was wir als Leser jetzt nicht wissen ist, hatte er zwei gesunde Arme und Beine, volles Haar und gesunde Bandscheiben?
Was ist, wenn er noch ganz andere Sorgen hat. Er war ja Bettler. Das ist für die allermeisten Menschen kein wirklich erstrebenswertes Ziel auf der Karriereleiter. Es hätte ja sein können, dass er die Blindheit akzeptiert hat, aber sich nach Wohlstand, Familie oder nach anderen Zukunftsperspektiven sehnt. Das wird alles nicht erwähnt, weil es nicht wichtig ist.
Nicht wichtig entweder deshalb, weil er auf dem ersten Blick sonst gesund war oder, wie wir ja dann am Ende des Textes erfahren: es spielte keine Rolle für Bartimäus. Er wollte sehen. Vielleicht war es für ihn absolut kein Ding, sonst andere Beeinträchtigungen zu haben. Bloß, weil es für uns als Gegenüber ein Problem sein könnte, heißt es ja nicht automatisch, dass es für Bartimäus ein Problem ist. Jesus hat kein Interesse daran, Bartimäus an gesellschaftliche Normen anzupassen, sondern er will ihn von seiner inneren Not befreien.

Für mich ist die Frage zum Vorbild geworden, weil sie mir gezeigt hat: Es steht nicht in meiner Macht zu behaupten, was meinem Gegenüber fehlt. Ein Mensch ist so viel mehr als der Makel, den ich in ihm sehe. Und es wäre hochgradig übergriffig, einen Menschen zu sagen, was seine Probleme sind. Der Satz „Hab Erbarmen mit mir!“ ist ja ein Eingeständnis der Kapitulation. Bartimäus begibt sich mit diesem Ausspruch in die Abhängigkeit in Jesus und signalisiert, irgendwas stimmt nicht. Aber das „Irgendwas“ steht nicht in meiner Macht zu benennen. Sondern das kann Bartimäus schon selbst. Und die Gefahr jemanden zu sagen, was ihm fehlt, sehe ich besonders im Umgang mit trauernden und leidenden Menschen. Die Gefahr ist groß, dann als Gegenüber wissen zu wollen, was der Person fehlt und dann direkt auch zu wissen, was er oder sie braucht – weil bei uns das so wäre oder wir es mit anderen Menschen vergleichen.

Doch sollten wir wie Jesus diese wichtige Frage nicht überspringen: „Was willst Du? Was kann ich für dich tun?“ Denn mit dieser Frage bleibt – in diesem Fall eben Bartimäus – der eigene Chef über seine persönliche Situation. Leider kann es nämlich auch passieren, dass wir in Gesprächen mit Not leidenden Menschen die Menschen bedrängen oder zumindest in unangenehme Situationen bringen, mit denen sie schlichtweg überfordert sind. Gut gemeint ist kein Synonym für gut gemacht. Also lasst uns auf das hören, was Menschen uns zu sagen haben, die unsere Ohren brauchen.

Die Geschichte von Bartimäus schließt mit einer ganz kurzen Faktendarstellung ab. Jesus sagte „Geh, dein Glaube hat dich gerettet“. Und Bartimäus folgte daraufhin seinem Heiler. Anders als in anderen Erzählungen wird keine Gefühlslage des Menschen, der Jünger oder der Volksmenge beschrieben. Kurz und knapp hält sich der Autor daran zu berichten, was geschehen ist. Jesus gibt keine Kundenbindung, sondern lässt ihn im Frieden ziehen.
Doch Bartimäus denkt gar nicht erst daran, wieder zu verschwinden, sondern er schließt sich der Volksmenge an. Bartimäus hat seine eigene Gotteserfahrung gemacht. Er hat erlebt, dass Gott ihn aus seiner Not befreit hat.
Seine Konsequenz, die er daraus zieht, ist die, dass er mit Jesus weitergeht – im übertragenen Sinn: Er lebt ab sofort sein Leben mit Jesus. Das Wunder, was er erlebt hat, hatte Auswirkungen auf sein Verhalten. Er wollte von sich aus, Jesus nachfolgen. Er hätte auch dankbar zurück gehen können. Das war ja auch das, was Jesus zu ihm sagte. Doch er entscheidet sich, mit Jesus zu leben. Er zögert nicht, sondern er geht mit. Jesus nachzufolgen ist seine persönliche Entscheidung. Und ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch das brauchen, Entscheidungen zu treffen. Denn die tragen uns durch die Tiefen des Lebens. Für mich bedeutet Christ zu sein, mein Leben in Gottes Hand zu geben und ganz ehrlich, das hilft mir zu wissen, dass ich das vor einigen Jahren im Taufbecken vor anderen Menschen bezeugt habe.

Also, nochmal kurz zusammengefasst:

Jesus hat das Rufen von Bartimäus gehört. Gott hört auch heute noch unser Rufen. Er hört dein lautes Schreien und er hört auch dein leises Seufzen.

Bartmimäus hat mit den „Sei still!“-Kommentaren Anfechtung erlebt. Doch diese Anfechtungen hatten keine Macht über seinen Glauben. Und am Ende haben nicht die Anfechtungen gesiegt, sondern sein Glaube hat ihn gerettet. Auch heute erleben Christen Anfechtungen. Die Anfechtungen sind da. Jesus aber auch. Und er hat der Anfechtung die Macht weggenommen. Was uns rettet, ist der Glaube an den Messias, dem „Sohn Davids“.

Jesus fragte Bartimäus: „Was soll ich für dich tun?“ Somit gibt er ihm die Freiheit, selbst zu sagen, was sich ändern soll. Mit dieser Haltung drängen wir Menschen in keine Enge, sondern überlassen ihnen die Macht über ihr eigenes Leben. Alles andere wäre übergriffig.

Jesus sagte zu Bartimäus: „Geh!“ Denn Gott zwingt uns Menschen nicht in seiner Gemeinschaft. Wir bekommen Freiheit, über unser Leben selbst zu bestimmen. Ich bin davon überzeugt das Beste ist, was uns passieren kann, dran zu bleiben an dem, der uns rettet. Hab den Mut, für dein Leben eine Entscheidung zu treffen. Und mache es wie Bartimäus, folge Jesus nach!

Gott segne Dich!


Amen.

Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

 

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